Wüsten-Wunder Samarkand

Ein Reisebericht von Martin Wein,
veröffentlicht im Mai 2015

Auf einer Route der Seidenstraße durch Usbekistan: Prachtvolle Moscheen, geheimnisvolle Altstädte und ein Land im Aufbruch liegen auf der Strecke. Und klangvolle Namen wie Samarkand und Buchara. Selbst die Sowjets konnten ihren Reiz nicht brechen.

Die Seidenstraße ist fraglos die beste Werbeidee, die jemals für Mittelasien ersonnen wurde. Ende der 1860er-Jahre hatte der deutsche Geograph Ferdinand von Richthofen Chinas Provinzen nach Kohlevorkommen durchsucht, die er für die deutsche Wirtschaft erschließen sollte. Um seine umfassenden Werke aber beim Romantik-verliebten deutschen Publikum besser zu verkaufen, erfand er den Begriff von der Seidenstraße, als seien die schwer bepackten Karawanen quasi auf einer Autobahn von China bis in den Nahen Osten getrottet. In Wahrheit gab es ein ganzes Netz von Routen und Verbindungen, die sich ständig verschoben und an wichtigen Oasenstädten trafen. Wie auf einer Kette liegen die noch heute vor allem in Usbekistan in der Steppe Zentralasiens und ziehen Besucher in ihren Bann.

Die Reise beginnt weniger spektakulär in der Hauptstadt Tashkent. Breite, grüne Boulevards, 2,3 Millionen Einwohner, Plattenbauten aus den 60er- und 70er-Jahren, eine schnelle U-Bahn aus russischen Zeiten, fünf große Theater und Prunkbauten im postsowjetischen und neoorientalischen Stil prägen das Bild im Reich des ex-sowjetischen Parteisekretärs Islam Karimow, der das Land seit der Unabhängigkeit 1991 autokratisch, aber ohne Personenkult regiert. Von der berühmten Altstadt sind nach dem Erdbeben von 1966 praktisch nur das Kaffal Shashi-Mausoleum und die berühmte Koranschule Barakchan aus dem 16. Jahrhundert übrig, in der heute Kunsthandwerk verkauft wird. Daneben eine neue Moschee im alten Stil. Karimov ließ sie 2007 in nur acht Monaten hochziehen. Immerhin sind 80 Prozent der Staatsbürger Muslime. Allerdings gehen nur 30 Prozent regelmäßig beten. In Deutschland gebe es mehr Moscheen als in Usbekistan, sagt der Germanist Ruslan Rustamow, der für den Marktführer Gebeco deutsche Gruppen durch sein Heimatland führt.

Erster Paukenschlag dann 300 Kilometer südwestlich in Samarkand. Der Registan-Platz ist wohl das schönste Wohnzimmer Asiens. Drei mächtige Medresen umschließen ihn in imposanter Harmonie. Ein Ausrufezeichen der Blütezeit im 15. bis 17. Jahrhundert, als der legendäre Mongolen-Herrscher Timur-Lenk, bei uns auch als Tamerlan bekannt, ein Großreich und eine machtvolle Dynastie begründete. Die schillernden Majolka-Kacheln in blau, türkis und weiß an den Fassaden müssen den Wüstenreisenden wie ein Wunder erschienen sein. Und unter Gelehrten galten die Hochschulen als erste Adresse. Perfekten Ausblick bietet neuerdings eine weiße Marmor-Empore, die man für Chinas Staatschef Xi Jinping an der offenen Südseite gebaut hat. Mutige können auch im Dunkeln eine steile Wendeltreppe auf ein Minarett hochsteigen. Der Ausblick ist grandios, bei 45 Zentimeter hohen Stufen aber auch ein Muskelkater garantiert. Der Muezzin tut sich das schon lange nicht mehr an.

Noch verwunschener ist ein Gräberfeld, das in die Mauern der vorchristlichen Festung Afrosiab entstand. In Shah-e-Sende ließen sich die Edlen an Timurs Hof prunkvolle Mausoleen mit wunderbarem Sternen- und Blumendekor errichten. Auch ein Cousin Mohammeds soll hier begraben liegen und zieht täglich Pilgerscharen auf den Grabhügel. Timur selbst liegt unten im Tal in einem eigenen Grabkomplex unter einer mächtigen Tambour-Kuppel und einem Scheinsarkophag aus schwarzem Nephrit tief in der Erde bestattet. Seit der Unabhängigkeit wird er als Nationalheld verehrt.

Noch mehr in die Zeit der Karawanen eintauchen kann man in Buchara jenseits der Serafshan-Berge. Lebensgroße Holzdromedare ruhen um das große Wasserbecken im Zentrum der Altstadt, als seien sie von einer Karawanengesellschaft zur Rast hier abgestellt worden. Kleine Mädchen im Sonntagsstaat klettern auf ihre Höcker. Eine Schülergruppe posiert davor für ein Selfie. Die Pilgerherberge Devon Begi im Hintergrund wurde im 16. Jahrhundert eigens so angelegt, dass ihre Kuppeln und Türme sich im Wasser spiegeln. Links und rechts davon prägen zwei mächtige Koranschulen das Bild. An Tischen um das Becken sitzen Männerrunden im Schatten der Maulbeerbäume hinter Porzellanschalen mit grünem Tee. Der würzige Duft von frisch gegrilltem Schaschlik liegt in der Luft. Aus Lautsprechern dröhnen neoorientalische Techno-Beats. In ihrem Takt schlägt hier am Labi Hauz, dem einst lebenswichtigen Wasserreservoir, das Herz der Seidenstraßen-Romantik.

Viele Baudenkmale in der Altstadt wurden kostspielig saniert, darunter die mächtige Festung Ark, das weithin sichtbare Kolon-Minarett von 1127 oder das viertorige, turkmenische Portal Chor Minor, das als usbekisches Taj Mahal gerühmt wird. Ein erstes Stadttor wurde wieder aufgebaut. Bis 2020 soll die ganze Stadtmauer aus Lehmziegeln wieder stehen. In die alten Handelsgewölbe zogen Teppichhändler und Puppenmacher ein. Ein Händler schenkt probeweise Gewürztee mit Anis, Nelke, Kardamom, Zimt, Safran, Pfefferminze und Basilikum aus. Immer neue Hotels im traditionellen Dekor eröffnen. Obwohl noch schätzungsweise 10 000 Menschen hier leben, wirken Teile der Altstadt aber museal. 80 Jahre Sozialismus haben den Orient zurückgedrängt.

Davon kann auch Israel Khan tagtäglich ein Lied singen. In der alten Pilgermoschee Chor Bakr vor den Toren der Stadt wartet der Mullah auf Gläubige. Fünfmal am Tag steht er vor dem Portal und ruft zum Gebet. „Ich bin schon froh, wenn überhaupt jemand kommt“, sagt Khan. Zwar gebe es ein gewisses Interesse am Islam, aber die meisten Usbeken betrachten Religion eher distanziert als Ergänzung ihres Lebensstils. Sie trinken Wodka und Bier und essen gelegentlich auch vom Schwein. Frauen schminken sich nach russischer Art eher üppig als dezent, seit 1927 alle verhüllenden Ausgeh-Mäntel öffentlich verbrannt wurden. Oft muss der Mullah Pilgern erst einmal erklären, wie man eigentlich richtig betet.

In Chiwa ist der Eindruck völlig anders. Die alte Oasenstadt liegt ganz im Westen des Landes in der Nähe des antiken Flusses Oxus mitten in der Wüste Kizilkum. Innerhalb der gelben Lehmmauern findet man ein fast vollständig erhaltenes Bauensemble enger Gassen, prunkvoller Moscheen, schattiger Teehäuser und fremder Gewürzdüfte. In den Wohnvierteln am Rande der Mauer meckern Ziegen in den eingefassten Höfen. Und wenn die Sonne sinkt, treffen sich die Nachbarn zum gemeinsamen Schaschlik-Grillen auf der Gasse. Nachts wird es stockdunkel in der Stadt. Ein klarer Sternenhimmel begrenzt dann die Schattenrisse der Kuppeln und Türme wie seit vielen hundert Jahren.

Gut zu wissen:

Anreise: Uzbekistan Airways bietet neuerdings montags, donnerstags und in der Hauptsaison samstags Direktflüge von Frankfurt nach Taschkent an, Flugdauer 6,5 Stunden. Die preisgünstigsten Verbindungen ab vielen deutschen Flughäfen offeriert Turkish Airlines via Istanbul (Flugzeit ca. 8,5 Stunden).
Reisezeit: Der Winter ist gewöhnlich sehr kalt mit bis zu -30° C, der Sommer mit bis zu +55°C sehr heiß. Beste Reisemonate sind Anfang April bis Anfang Juni sowie September und Oktober.
Im Land: Schnellzüge verkehrten zwischen Taschkent, Samarkand, Buchara und Chiwa. Autofahrten im Leihwagen sind aufgrund der sehr schlechten Straßen nicht empfehlenswert. In den Städten stehen viele Taxis zu günstigen Preisen zur Verfügung. Für eine Stadtfahrt zahlt man 1 – 3 Euro.
Hygiene: Die Verhältnisse sind allgemein gut. Dennoch erkranken drei Viertel aller Reisenden. Schweres Baumwollöl im Nationalgericht Plov sollte man ebenso meiden wie Früchte von der Straße.
Rundreisen: Gebeco bietet eine 12-tägige Erlebnisreise von Taschkent bis Chiwa ( zur Reise ) oder eine 13-tägige Aktivreise inkl. Kameltrekking, Jurten-Übernachtung und Wanderungen ( zur Reise ). Dr. Tigges veranstaltet u. a. eine 15-tägige Studienreise „Erzählendes Usbekistan“ auf den Spuren von Tausendundeiner Nacht.

Die Teilnahme an der Recherchereise wurde unterstützt von Gebeco.

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