Gedanken zum Themenjahr 2018

Von Gebeco-Geschäftsführer Thomas Bohlander

In Myanmar führen wir seit über 20 Jahren qualifizierte Studien- und Erlebnisreisen durch. Als einer der ersten europäischen Reiseveranstalter haben wir begonnen, Reiseleiter in Myanmar durch permanente Schulungen auszubilden. Damit trugen wir früh dazu bei, lokale, qualifizierte Beschäftigungsverhältnisse zu schaffen. Viele Menschenrechtsorganisationen forderten uns auf, die Reisen nach Myanmar einzustellen, da diese ihrer Auffassung nach die Diktatur unterstützen würden. Wir waren schon damals überzeugt, dass ein Boykott zuerst das Leben der normalen Bürger trifft. Zusammen mit unseren Gästen machten wir die Erfahrung, dass wir mit unseren Reisen vielen dieser Menschen Perspektiven aufzeigen und Kontaktmöglichkeiten bieten können. So konnte oftmals Unterstützung im kleinen und direkten persönlichen Bereich ermöglicht und gegenseitiges Verständnis geweckt werden. Nicht zuletzt sind es diese Aspekte, welche die Saat für eine friedliche Revolution legen. Als ich Ende der 90er Jahre zum ersten Mal nach Myanmar reiste, waren es die Menschen und nicht die Bauwerke, die mich zutiefst beeindruckten. So entstanden starke Freundschaften. Früh entwickelten wir mit den Menschen in Myanmar Informationsbrücken und Hilfsprojekte, mit dem Ziel, den Menschen schnell zu helfen. In diesen Jahren habe ich Jan-Philipp Sendker, den früheren Journalisten und heutigen Schriftsteller kennengelernt – ein sensibler Kenner der politischen und sozialen Entwicklungen vor Ort. Es war ein wahrer Glücksfall, ihn erneut zu treffen, um mit ihm über das neue Themenjahr zu sprechen. Unser Thema „Menschen verbinden“ inspiriert Reisende zu einem besseren Verstehen der wunderbaren Vielfalt menschlichen Seins. In diesem Sinne bot es sich für mich an, Jan-Philipp Sendker zu Wort kommen zu lassen und ihn zu fragen, was er über die Entwicklung Myanmars in den letzten Jahrzehnten denkt:

Du hast dich schon früh mit diesem großartigen Land beschäftigt und darüber geschrieben, als in Deutschland noch keiner so richtig wusste, wo Myanmar genau liegt. Was waren die Gründe?
Es mag seltsam klingen, aber es hatte viel mit Intuition zu tun. Ich war damals der Asien-Korrespondent des „stern“, lebte in Hong Kong, und ein amerikanischer Fotograf hatte mir von Burma bzw. Myanmar erzählt. Ein Gefühl in mir sagte: Da musst du hin! Es war nicht leicht,den „stern“ davon zu überzeugen, denn damals interessierte sich wirklich kaum jemand für das Land: weder politisch, noch wirtschaftlich oder touristisch.

Wie war Myanmar aus deiner Sicht vor zwanzig Jahren?
Faszinierend und überwältigend in seiner Fremdheit, seinem Anders-Sein. Es war ja jahrzehntelang isoliert gewesen. Ich hatte als Auslandskorrespondent schon Dutzende von Ländern bereist, war aber noch nie in einem gewesen, das noch so unberührt von der westlichen Konsumgesellschaft, unserem Materialismus, unserem „way of life“ war. Der Flug von Bangkok nach Yangon dauerte nur gut eine Stunde, aber ich reiste um mindestens 50 Jahre zurück in die Vergangenheit. Myanmar wirkte auf eine ganz sonderbare Art wie aus der Zeit gefallen. Als ich fragte, ob es in der Stadt eine Filiale von „McDonald‘s“ gäbe, hielten sie den für einen Schotten. Fortwährend wurde ich mit einem gänzlich anderen Verständnis von Zeit, mit anderen Werten und Denkweisen konfrontiert. Ich empfinde es als großes Privileg, das gesehen und erlebt haben zu dürfen.

War es möglich, mit den Menschen in Myanmar damals offen zu sprechen? Wie war das, in einem Land zu sein, wo alle Kommunikationswege nach außen abgeschnitten waren?
Ich war erstaunt, wie viele ältere Menschen noch hervorragend Englisch sprachen, trotz Jahrzehnten der Isolation. Besucher waren selten in jenen Jahren, und ich wurde überall voller Freude, Respekt und Neugierde empfangen. Die Menschen freuten sich über mein Interesse, und wir konnten über vieles sprechen, aber natürlich nicht über Politik, die Militärdiktatur oder die Verbrechen, die die Soldaten begingen. Der Name, der damals unter Hausarrest stehenden Oppositionsführerin Aung San Suu Kyi, wurde nur flüsternd ausgesprochen – wenn überhaupt. Es gab ein weitverzweigtes Spitzelsystem. Diese Angst zu erleben, war sehr bedrückend.

In der Zeit dieser Diktatur entstanden deine Romane „Das Herzenhören“ und „Herzenstimmen“, die dich über die Jahre berühmt gemacht haben. Heute kennen viele Menschen diese traurigen und romantischen Geschichten zweier Liebenden in Myanmar. Was hat dich damals dazu bewogen?
Ebenfalls die Intuition. Ich werde oft gefragt, wie ich auf meine Ideen komme und antworte immer: die Ideen kommen auf mich. Ich muss nur die innere Ruhe haben, damit sie mich auch finden. Myanmar und seine Menschen haben mich auf meinen vielen Reisen so bewegt, so inspiriert und nachdenklich gemacht, dass es für mich völlig klar war, dass die Romane dort spielen müssen. Ich denke, dass die burmesische Kultur kein exotischer Hintergrund für die Geschichten ist, sondern ein ganz wesentlicher Bestandteil der Bücher.

Kennen die Menschen in Myanmar deine Bücher? Was denken sie über den Inhalt?
Ja. Meine beiden Burma-Romane sind in 35 Sprachen übersetzt worden und im vergangenen Jahr auch auf Burmesisch erschienen. Das hat mich natürlich unheimlich gefreut. Wir haben dann in Yangon eine Lesung organisiert, zu der viele, viele zumeist junge Menschen kamen. Ich war aufgeregt, weil ich nicht sicher war, wie die Bücher angenommen werden. Würde ich Vorwürfe hören, dass ich die burmesische Kultur nicht kenne und nur ein Klischee an das andere reihe? Zum Glück war das Gegenteil der Fall. Die burmesischen Leserinnen und Leser waren beeindruckt, dass ein Ausländer so authentisch über ihre Kultur schreiben kann. Das empfand ich als das größtmögliche Lob.

Wie hat sich aus deiner Sicht Myanmar in den letzten Jahren verändert, was erwartet den heutigen Reisenden im Vergleich zu vor zehn oder zwanzig Jahren?
Ihn erwartet an der Oberfläche ein anderes Land, welches sich rasend schnell verändert, vor allem in den großen Städten. Überall wird gebaut, es gibt Verkehrsstaus, schlechte Luft und große Probleme mit der Müllentsorgung. Heute haben 33 Millionen Burmesen ein Handy, zehn Millionen sind auf Facebook. Vor 20 Jahren gab es praktisch gar keine Telefone. Aber das ist nur die eine Seite. Wer sich die Mühe macht, die ausgetretenen touristischen Pfade zu verlassen, wird ein Land entdecken, das sich wandelt, aber mit einem ganz eigenen Tempo. Denn wie hat mir ein befreundeter Buchhändler einst prophezeit? Die Seele eines Volkes ändert sich nicht so schnell.

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